|
|
Kirchenbesucher, die vor dem Altar der hannoverschen Marktkirche stehen und sich auf dieses Kunstwerk des ausgehenden 15. Jahrhunderts einlassen wollen, sollten sich einen dreifachen Sachverhalt bewusst machen: 1. Mit dem Begriff des Altars ist im Christentum ursprünglich nur der meistens steinerne Tisch erfasst, der innerhalb der Kirchengebäude während des Gottesdienstes der sakramentalen Begehung des heiligen Mahles (Eucharistie) dient. Schrankartige Aufsätze (Retabel) auf der Rückseite der Altarplatte (Mensa) für Reliquien und Geräte des heiligen Mahles, später fast nur noch für Schnitz- und Malwerke, kamen erst seit dem 13. Jahrhundert in Gebrauch, als die handelnden Priester ihren Platz hinter dem Altar aufgaben und vor dem Altar zu zelebrieren begannen. Dies war die Folge eines allgemeinen Wandels der Frömmigkeit, der sich ebenfalls im Stilwandel der Kunst von der Romanik zur Gotik äußerte. 2. Der Marktkirchenaltar ist ein Retabel, das speziell für diese Kirche konzipiert und wohl nach seiner Fertigstellung zwischen 1470 und 1485 vom damals zuständigen Mindener Bischof mit der ganzen Kirche gegen Ende der achtziger Jahre des 15. Jahrhunderts geweiht wurde. Der Altar befindet sich also an seinem ursprünglichen Platz, hat aber im Laufe seiner wechselvollen Geschichte eine Reihe großer und kleinerer Teile verloren. Dazu gehören: a) der hölzerne Sockel (Predella), der den Retabelschrein über die Mensa erhob und sicherlich mit Mal- oder Schnitzwerk versehen war b) die Zierleiste, mit der Schrein und Flügel oben geschmückt waren und die wohl mit liturgischen Texten, vielleicht auch mit dem Namen des Werkstattmeisters und dem Datum der Fertigstellung versehen wurde
d) drei geschnitzte fliegende Engel, die im Zentralbild links, rechts und unterhalb des gekreuzigten Christus angebracht waren und mit Kelchen das Blut seiner Wunden aufzufangen hatten e) schließlich eine Reihe kleinerer Einzelteile (z. B. die Lanze des Longinus und die Schwammstange des Stephaton im Zentralbild).
Auf den ersten Blick: Der aufgeklappte Schrein zeigt zwei Reihen fast gleichgroßer Schnitzbilder übereinander, die in der Mitte von einem Zentralbild unterbrochen sind, das die gesamte Höhe des Schreins umfasst und in der Breite den Platz von zweien dieser Schnitzbilder einnimmt. Auf beiden Seiten des Zentralbildes ergeben sich jeweils zwei mal fünf kleinere Schnitzbilder, die unten durch so genannte Schleierbretter abgeschlossen werden, in die an jeder Seite fünf Medaillons eingefügt sind. Alle Schnitzwerke sind mit Maßwerk und Baldachinen in Kielbogenform überdacht und durch Holzrahmen voneinander abgesetzt. Die geschnitzten und farbig gefassten Szenen sind vor einem goldpunzierten Hintergrund mit Granatapfelmuster angebracht. Geht man davon aus, dass vom 13. bis zum 15. Jahrhundert das so gegliederte Retabel eines Hauptaltares stets der optischen Vergewisserung dessen zu dienen hatte, was sich täglich vor ihm auf dem Altar im Messgottesdienst ereignete, dann wird das Deutungsprinzip verständlich, nach dem ein solches Retabel seine visuelle Predigt den Beobachtern nahe zu bringen hatte. Das Zentralbild stellt das theologische Thema vor, ihm sind die Schnitz-Szenen zu beiden Seiten assistierend und vertiefend zugeordnet. Auch wenn hier das Zentralbild eine Kreuzigungsszene zeigt und die zwanzig kleineren Szenen bis auf die letzten drei rechts unten scheinbar nur an die Leidensgeschichte Jesu erinnern, muss man sich hüten, von einem 'Passionsaltar' zu sprechen. Es geht vielmehr um einen 'Sakramentsaltar' (Fronaltar), der nicht der bloßen Erinnerung an die Passion Jesu gewidmet wurde, sondern den Ursprung der priesterlichen Vermittlung von 'Leib und Blut Christi' in der sakramentalen Kommunion vergegenwärtigen soll. Dieses Retabel muss also von seiner liturgischen Funktion her verstanden werden. Sein theologisches Bekenntnis lässt sich in zwei Zitaten des Neuen Testaments zusammenfassen:
Zur Entstehung und Geschichte des Altars Da bis heute keine Urkunden vorliegen, die genaue Auskunft über Auftraggeber, Werkstätten und Datierung des Retabels geben können, ist man weitgehend auf Vergleiche mit zeitgenössischen Retabeln angewiesen, um die Eigenart vor allem des Schnitzwerks historisch zu würdigen. Auch wenn die Zuweisung zu einer bestimmten Werkstatt noch nicht möglich ist, wird man feststellen dürfen, dass Baldachine, Maßwerk und die Punzierung des goldenen Hintergrundes auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts und auf die Region Braunschweig / Halberstadt hindeuten, dass - wie sonst auch - Schrein und Flügel aus Eichenholz, das Schnitzwerk aber aus Lindenholz gearbeitet ist; dass sich mindestens drei Schnitzerhände unterscheiden lassen und dass das Werk im Ganzen sich innerhalb des zeitgenössischen Rahmens ikonographischer Vorgaben, bürgerlicher Frömmigkeit und handwerklicher Tradition einordnen lässt. Um 1460 wird der Auftrag des Rates der Stadt Hannover an eine bestimmte Werkstatt zur Anfertigung des Retabels ergangen sein, der bereits das theologische Programm, seine spezielle Gliederung und Abmessung ebenso enthielt wie die geschäftlichen Bedingungen und zeitliche Terminierung. Diese Werkstatt wird dann an Schreiner und Maler Unteraufträge erteilt haben, dem Schreiner für die Herstellung von Schrein und Flügel, dem Maler für die farbliche Fassung des Schnitzwerkes und die Flügelbilder. Für das gewaltige Schnitzprogramm konnte die Werkstatt auf Musterbücher zurückgreifen, wie sie damals mit Kupferstichsammlungen zur Passion Christi im Umlauf waren. Dabei hat sie sich augenscheinlich an Vorlagen orientiert, die auf die bekannten Kupferstiche Martin Schongauers zurückgehen, welche zeitgleich zwischen 1475 und 1485 entstanden sind. In der Abmessung nimmt der Schrein mit seiner Breite von 12 und seiner Höhe von 9 Fuß das Seitenverhältnis des Hallengrundrisses der Marktkirche auf und erweist sich so als für den Hauptaltar bewusst konzipiertes Retabel. Das kommt auch durch die christologische Fünfzahl zum Ausdruck, wie sie in den vier mal fünf Schnitzbildern mit den zwei mal fünf Prophetenmedaillons deutlich wird. Die dem gesamtem Bau der Hallenkirche eingestiftete Fünfzahl (5 Joche, Fünffach-Zugang, Zehneckprinzip der Chorabschlüsse, Pentagramm am Ostgiebel des Turmes) symbolisiert den Christus Salvator (Christus als Heiland), der aus fünf Wunden blutend mit der Hingabe seines Lebens die Erlösung der Menschheit von ihrer vor dem einen Gott angehäuften Schuld möglich machte. Christus und die vier Evangelisten ergaben zusammen die fünffache Quelle des göttlichen Evangeliums und repräsentieren so die gesamte Heilige Schrift. Der Hauptaltar der Marktkirche wurde im Mittelalter von zwei Seitenaltären in den Chören der Seitenschiffe flankiert und mit dem Kreuzaltar vor dem Zentralchor und weiteren acht Altären an den Wänden der Halle zur nicht zufälligen Zwölfzahl ergänzt. Bis 1663 hat dieses Retabel dem Hauptaltar der Marktkirche gedient. Dann wurde es im Zuge des nach dem Dreißigjährigen Krieg sich ausbildenden neuen Lebensgefühls in einer Phase radikaler Barockisierung aus der seit 1533 evangelischen Marktkirche verdrängt und durch einen barocken Hochaltar ersetzt. Zunächst ist es der Ägidienkirche überlassen worden, dann kam es 1856 in das hannoversche Welfenmuseum und wurde in die Niedersächsische Landesgalerie übernommen, aus der es während des Zweiten Weltkrieges in die Wittenburger Kirche ausgelagert wurde. Als nach dem Krieg der Wiederaufbau der zerstörten Marktkirche fast abgeschlossen war, konnte es 1951 nach fast dreihundertjährigem Exil auf den Hauptaltar an seinen angestammten Platz zurückkehren, allerdings ohne seine inzwischen verloren gegangenen Teile. Zum Zentralbild Zum ursprünglichen Verständnis dringen nur diejenigen vor, die davon ausgehen, dass das gesamte Schnitzwerk nicht historisierend, sondern als exemplarische Darstellung gemeint ist. Hier ist - wie auch sonst in der sakralen Kunst des Mittelalters - nichts dem Zufall oder der künstlerischen Intuition überlassen.
Das thematische Zentralbild soll dagegen auf den Vorgang des Messgottesdienstes hin verstanden werden. Es spricht die Situation nach der Kreuzigung Christi an und zeigt eine statuarische Szenerie, wie sie nach den letzten Worten des gekreuzigten Christus unmittelbar vor dem Eintritt des Todes sich ergeben hat: 'Es ist vollbracht' (vgl. Joh. 19,18-37). Es geht hier um die Vergegenwärtigung dessen, was mit dem Opfertod Christi für die Menschen geschehen ist und im Altarsakrament durch den priesterlichen Dienst als Geschenk göttlicher Gnade verfügbar wird.
Daher also die aus der Volksfrömmigkeit stammenden drei nicht erhaltenen Engel, die das Blut Christi bewahren, daher die beiden römischen Soldaten rechts und links vom Christuskreuz, Longinus und Stephaton sind ihre legendären Namen, von denen der eine mit dem Essigeimer in der Hand Jesus auf einer Stange den Essigschwamm gereicht hat (vgl. Joh. 19, 28-29) und der andere Jesus mit der Lanze die rechte Körperseite geöffnet hat, sodass ihm das Blut aus dieser Wunde die kranken Augen zu heilen vermochte (vgl. Joh. 19,33-34). Daher also auch die am Fuß des Christuskreuzes kniende und als Hure aufgeputzte 'Sünderin Magdalena' mit dem Salbtopf für die Balsamierung des Leibes Christi. Sie entstammt der Volksfrömmigkeit und hat außer dem Namen nichts mehr mit der Magdalena gemein, die im Neuen Testament Zeugin der Kreuzigung ihres Meisters war (vgl. Joh.19, 25). Unter dem linken Arm Christi stehen seine Feinde: Pilatus vorn im Gespräch mit einem jüdischen Priester (vgl. Joh.19,19-22), dahinter neben einem weiteren Soldaten der römische Offizier, der die Hinrichtung zu leiten hatte, darüber der gekreuzigte 'böse Schächer Gesmas', der den Christus lästerte (vgl. Lk. 23,39). Unter dem rechten Arm Christi sind seine Freunde versammelt, vorn die trauernde Jesusmutter, gestützt vom Lieblingsjünger Johannes, dahinter drei weitere Frauen und der alte Nikodemus, alle von Trauer ergriffen, und darüber der gekreuzigte 'gute Schächer Dismas', der seinen Kopf himmelwärts hält, weil Christus ihm das Wiedersehen im Paradies versprochen hat (vgl. Lk. 23,39-43). Auffallend ist die unterschiedliche Art der Kreuzigung: während die Christuskreuzigung in der traditionellen Weise geschehen ist, sind die beiden Schächer auf die ursprüngliche, bei den Römern übliche Art hingerichtet worden. Dabei hat der Fassmaler die gebrochenen Arme und Beine deutlich markiert (vgl. Joh. 19,32). Unterhalb des Christuskreuzes feilschen die vier 'Kriegsknechte' um den goldfarbenen Rock Christi (vgl. Joh. 19,23-24), Symbole menschlicher Habgier und Hinweis auf die durch den Urvater Adam ausgelöste Erbsünde. Das Kreuz Christi wurde der hier gezeigten Legende nach über dem Grab Adams errichtet, dessen Schädel und Knochen deshalb im Vordergrund zu sehen sind. Mit dem Begriff des "Kalvarienberges" wurde im Mittelalter diese Szenerie erfasst und oft auf Anhöhen außerhalb der Städte als Ziel liturgischer Prozessionen nachgebildet. |
|||||||||||||||||||||||||||||
|
Hanns-Lilje-Platz 2, 30159 Hannover Telefon: (0511) 36437-0 / 36437-20 Telefax: (0511) 36437-37 eMail: marktkirche.hannover@evlka.de |