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Die Ausgangssequenz in der unteren Reihe rechts vom Zentralbild hat es nach mittelalterlicher Auffassung nicht mehr nur mit Jesus, dem Mann aus Nazaret, zu tun, mit dessen Schicksal als Ursprung der Überwindung menschlicher Schuld, sondern mit der Kirche Christi, in welcher der 'Leib Christi' zum Segen aller derer Gegenwart bleibt, die an ihr teilhaben. Noch einmal, wie in der 15. Szene, erscheint im Hintergrund das Kreuz, an dem Jesus sein Leben zum Opfer gab. Nun sind es nicht zufällig sieben Personen ganz unterschiedlicher Art und Funktion, denen vom Kreuz herab der 'Leib des Herrn' anvertraut wird. In diesen biblischen Gestalten, die hier haltend, tragend, betend zu sehen sind, ist symbolisch die ganze christliche Gemeinde um den Gekreuzigten versammelt.
Auf der anderen Seite des Kreuzes schließlich steht auf einer zweiten Leiter Joseph von Arimathia, auch er ein geheimer Anhänger Jesu, der seine Grabstelle für die Bestattung Jesu zur Verfügung stellte (vgl. Joh. 19,38-40; Mt. 27,55-56). 17. Grablegung und Beweinung Christi
Vorn ist Magdalena mit dem Salbtopf zu sehen, am linken Rand Salome mit ihrem Sohn Johannes, daneben die Schwester der Jesusmutter, dann Joseph von Arimathia, die Jesusmutter selbst, die zärtlich wie Magdalena die Kreuzigungsnarben an der Hand Christi berührt, schließlich wieder Nikodemus. Vor dem Sarg, in dem der Leichnam des Gekreuzigten in ein Leinentuch gehüllt bestattet werden soll, liegt als kostbare Reliquie die Dornenkrone (vgl. Joh.19,38-42). Diese Szene hat deutlich den Charakter sakramentaler Kommunion erhalten, verweist also direkt auf das Altarsakrament, bei dem sich die Kommunion mit dem 'Leib Christi' durch priesterliche Vermittlung ständig wiederholen lässt.
Der Zugang zu den letzten drei Schnitzbildern ergibt sich für die heutige Betrachtung dann, wenn sie im Horizont mittelalterlicher Frömmigkeit vorgenommen wird. Nimmt man diese letzte Fünfersequenz als theologische Einheit wie die anderen drei und berücksichtigt man, dass Menschen im Abendland des 15. Jahrhunderts existenziell an der religiösen Deutung ihrer Gegenwart interessiert waren, dann dürfte es nicht mehr schwierig sein, die Szenen dieser Sequenz - wie damals - als lehrhafte Interpretation menschlichen Daseins vor dem einen Gott in dieser Welt aufzunehmen. Es geht also um Gegenwartsdeutung. Die 16. und die 17. Szene bestätigen, was täglich die Kirche Christi als Institution des Segens und der Gnade des einen Gottes ausmacht: die sakramentale Vergegenwärtigung des ihr anvertrauten 'Leibes Christi' und dadurch seines sühnenden Lebensopfers. Die drei weiteren Szenen verkünden, dass der nach seinem Tod zu Gott erhobene Christus nicht untätig ist, sondern sich wieder aktiv für die Zukunft seiner in der Kirche sich sammelnden Jünger einsetzt, um ihnen eine Zukunft zu ermöglichen, die über Leben und Sterben hinausgeht. Jetzt, wo es 'heute' heißt, ist der Christus dabei, auch den Toten Versöhnung mit Gott zu verkünden, die sein Kreuzestod gestiftet hat (vgl. Joh. 5,25-29; Eph. 4,7-10; 1. Pt. 4,6;3,18-22). Nur spärlich mit einem rotgoldenen Umhang bekleidet, mit heiler Haut aber sichtbaren fünf Kreuzigungsnarben, in der rechten Hand ein Tragekreuz mit Siegeswimpel: so schreitet der Christus auf das Tor des Totenreiches zu, das bei seinem Kommen aufgesprungen ist und dabei die bewachenden drei Teufel zur Seite geschleudert hat. Mit dem rechten Fuß hält er einen von ihnen am Boden, und so können fünf Personen als Repräsentanten der Gestorbenen heraustreten, allen voran das erste Menschenpaar. Dankbar ergreift der vollbärtige Adam die Hand Christi, während Eva mit fußlangem Haar ihre Hände anbetend zusammenlegt. In der Reihe dahinter sind drei männliche Gestalten zu sehen, in denen der Tradition nach von links als Vorläufer Christi der Prophet Elias und Johannes der Täufer, dann noch Dismas, der 'Gute Schächer', sich darstellen. Am Horizont ist hinter dem Christus wieder der baumbestandene Golgathahügel zu sehen. 19. Auferstehung Christi von den Toten Abermals spärlich mit einem rotgoldenen Umhang bekleidet steigt Christus aus dem fein verzierten, geöffneten Sarg, in der linken Hand das Tragekreuz mit Siegeswimpel, die Rechte zum Segnen erhoben. Vier Wächter umgeben kauernd den Sarg, zwei schlafen noch, zwei sind bereits erwacht und erschrocken (vgl. Mt. 27,62-66). Ein Zaun rechts im Hintergrund deutet die Grenze des Gartens an, in dem Jesus bestattet wurde (vgl. Joh. 19,41-42).
Der Christus betritt gleichsam den Altar, an dem sein 'Leib und Blut' ausgeteilt und damit eine Wegzehrung empfangen wird, die über den Tod hinaus Vergebung von Schuld und göttliche Gnade bewirken kann. 20. Christus als Richter über Tote und Lebende Das Schlussbild weist nicht nur auf ein zu erwartendes Geschehen hin. Denn jetzt - so will eine solche Darstellung im 15. Jahrhundert verstanden werden - wo es 'heute' heißt, hat der lebende Christus den Richtstuhl schon eingenommen, jetzt schon bereitet sich das Urteil vor, das jeder am Ende empfangen wird (vgl. 2. Kor. 5,10; Mt. 25,31-46). Der Christus, noch einmal spärlich mit dem rotgoldenen Umhang bekleidet, thront mit sichtbaren Kreuzigungsnarben auf dem Himmelsbogen. Seine Füße benutzen das Erdenrund als Schemel. Darunter ist das weite Gebiet des Totenreiches zu erkennen, in dem sich Gräber öffnen und stellvertretend für alle Toten zwei vor ihren Richter zitiert werden, der seine Arme ausgebreitet hat und mit der rechten Hand eine segnende Gebärde, mit der linken eine verdammende macht.
Nach alter Tradition kniet unter dem rechten Arm des Christus die Jesusmutter Maria, sie hat mit der linken Hand ihre rechte Brust entblößt, um sie ihrem Sohn zu zeigen und ihn mit der Erinnerung an die Milch, die ihn ernährt hat, milde zu stimmen. Unter dem linken Arm des Christus kniet in der Haltung intensiver Fürbitte Johannes der Täufer, erkennbar an seinen Attributen: Stierkopf, Stierknochen, Strickgürtel. Er versucht, den göttlichen Richter mit der Erinnerung an seine Jordantaufe um Erbarmen für die Menschen anzuflehen, die ebenfalls die Taufe empfangen haben. So entlässt dieses Sakramentsretabel seine ursprünglichen Betrachter mit dem für sie damals einsichtigen Hinweis auf die notwendige Anrufung der Heiligen, ohne deren Fürsprache und Hilfe Gnade und Rettung schon jetzt, da es 'heute' heißt, nicht zu erlangen sind. |
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