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Die zwei mal fünf Medaillons in den Schleierbrettern enthalten Brustbilder solcher prophetischen Gestalten, deren überlieferte Weissagungen seit der frühen Christenheit auf Jesus gedeutet und als in ihm erfüllt bezeugt wurden. Sie repräsentieren hier also vor allem das ganze Alte Testament. Da sie zum großen Teil mit Namen versehen sind, kann man sie recht gut identifizieren. Von links sind folgende Personen zu erkennen: 1. Der königliche Psalmsänger David, seine Harfe macht ihn kenntlich
3. der Prophet Hosea 4. der Erzvater Jakob mit geschlossenen Augen und einer Brille (vgl. 1. Mos. 28,12-15) 5. der Prophet Jeremia
7. der Prophet Jesaja 8. der Prophet Bileam 9. der Erzvater Abraham
Die Texte der dazu gehörenden Weissagungen zeigen ein weiteres Mal, dass es in diesem Retabel nicht um Passionserinnerung, sondern um das Erlösungswerk des einen Gottes für die Menschheit geht, das im Altarsakrament für alle zugänglich ist. Zu den Gemälden Wer sich den Malwerken auf der Rückseite der Schreinflügel zuwendet, muss berücksichtigen, dass nur ein Drittel der Gemälde zu sehen ist, die ursprünglich das Schnitzwerk des Retabels umschlossen. Dabei wird das theologische Programm zwei umfangreiche Sequenzen umfasst haben, die dem heiligen Georg, der schon Patron der romanischen Vorgängerkirche war, und dem heiligen Jakob dem Älteren gewidmet waren. In beiden Fällen sind Legendenkränze überliefert, aus denen wohl die bekanntesten ausgewählt wurden, sodass man die dargestellten Szenen auf dem verlorenen Flügelpaar rekonstruieren kann, wenn auch nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit.
Der von der Kirche her linke Flügel zeigt auf der Außenseite vier Gemälde aus dem Legendenkranz des heiligen Georg: links oben die 'Glieder- und Feuerfolter des Heiligen', daneben den 'Einsturz des Apollotempels durch sein Gebet', links unten die 'Vernichtung der Foltergeräte durch Feuer und Steine auf Bitten des Heiligen', daneben die 'Enthauptung des Heiligen'.
Da bekannte Georgslegenden wie die vom 'Drachentöter Georg' fehlen, wird man ihre Wiedergabe auf dem linken Flügel des zweiten Flügelpaars voraussetzen können (vgl. die Parallelen in den erhaltenen Glasmalereien der Kirchenfenster). Die Jakobsseite Der von der Kirche her rechte Flügel zeigt auf der Außenseite vier Gemälde aus dem Legendenkranz des heiligen Jakob des Älteren. Da sein Dasein als Jünger Jesu in der Eingangssequenz des Schnitzwerkes vier Mal erwähnt wird, hat man sich vermutlich bei den Flügelgemälden auf die Darstellung legendärer Ereignisse aus seiner apostolischen Existenz nach Jesus beschränkt. Links oben wird die 'Rückkehr des Heiligen mit Gefährten - in Pilgertracht - zu Schiff aus Spanien nach Judäa, verabschiedet von einem bekehrten Spanier' gezeigt. Dabei ist im Hintergrund die Bucht von El Padrón und die Grabeskirche des Heiligen mit Kloster in Santiago de Compostela zu erkennen. Rechts daneben: 'Der Heilige lässt einen Sklaven sein Schweißtuch dem bekehrten Zauberschüler Philetus überbringen, nach dessen Berührung Philetus seine Körperstarre verliert, in die ihn der Zauberer Hermogenes versetzt hat.' Links unten: 'Vom jüdischen König Herodes Agrippa seiner Christuspredigt wegen zum Tod verurteilt, tauft der Heilige - in Pilgertracht - auf dem Weg zur Hinrichtung den Folterknecht Josias' (vgl. Apg. 12,1-2). Rechts daneben: 'Der Heilige wird mit dem Schwert enthauptet, nachdem zuvor bereits Josias das Martyrium erlitten hat'. Berühmte Jakobslegenden fehlen und werden auf dem rechten Flügel des zweiten Flügelpaares zu sehen gewesen sein: 'Dämonen führen auf Befehl des Heiligen den Zauberer Hermogenes gefesselt vor', 'Auf dem Weg zur Hinrichtung heilt der Heilige einen Lahmen', 'Die Reliquien des Heiligen erreichen Compostela', 'Der Heilige schützt und rettet Pilger auf dem Weg nach Compostela'. Diese vier Szenen könnten auf die Flügelseite gemalt gewesen sein, deren Fragment sich in der Niedersächsischen Landesgalerie befindet. Die Georgsbilder orientieren sich anscheinend an Vorbildern, die es schon in der alten Georgskirche gegeben hat. Die Jakobsbilder zeigen dagegen in Gestaltung und Farbpalette eine andere, 'modernere' Malweise von hoher Qualität. Trotzdem wird man davon ausgehen dürfen, dass alle Gemälde auf den Flügeln dieses Retabels einer einzigen Werkstatt entstammen, die auch die ursprüngliche Farbfassung des Schnitzwerks vorgenommen hat. Diese wird allerdings qualitätvoller gewesen sein als die heute vorhandene, teilweise lässig und plump durchgeführte. Wird das Retabel der Marktkirche mit zeitgenössischen Werken norddeutscher Herkunft verglichen, etwa mit den Altären aus der Braunschweiger Borgentrik-Werkstatt, so wird man einerseits die lebensvolle Dramatik aller Szenen ebenso rühmen müssen, wie man anderseits meisterhaft gelungene Darstellungen doch von biederer Handwerksarbeit zu unterscheiden hat. Zu den inhaltlich und formal gelungenen Szenen gehören sechs der kleineren Schnitzbilder (die Szenen 1, 5, 9,11,15 und 19) wie die vier Gemälde der Jakobsseite. In den ursprünglichen Hauptaltar der Marktkirche waren neben einer Christusreliquie auch Reliquien der heiligen Patrone, des romanischen Georg und des gotischen Jakob, versenkt worden. Sein Retabel vom Ende des 15. Jahrhunderts bietet eine umfangreiche Komposition spätmittelalterlicher Sakramentstheologie. Mit den Malwerken wurde der Verehrung und Fürsprache der Heiligen ständige Reverenz erwiesen und mit dem Schnitzwerk das christologische Geheimnis im Zentrum offenbart und für das Altarsakrament sinnenfällig gemacht. Der Chor der Heiligen, die an den anderen Altären und in den Glasfenstern der Kirche verehrt wurden, stand gleichsam im Vorhof, den es immer wieder zu durchschreiten galt, um sich in der heiligen Kommunion der Gnade des allmächtigen Gottes zu vergewissern (vgl. Hebr. 12,1-3; 1. Kor. 11,26-28). |
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