Beschreibung


Die Marktkirche misst einschließlich Turm eine Länge von 61,5 m bei einer Gesamtbreite von 26,6 m. Die Traufe liegt bei einer Höhe von 19 m, die Spitze des Wetterhahnes bei genau 98 m.

Damit überragte die Marktkirche damals das enge Gewirr der meist nur zweigeschossigen Bürgerhäuser um ein Vielfaches und ließ die Bewohner das „Himmlische Jerusalem“ unmittelbar vor ihren Augen spüren. Sie fühlten es noch stärker, wenn sie die hohe eingewölbte Kirchenhalle betraten, in der um 1500 an zwölf Altären zugleich die Messe stattfinden konnte. Liturgische Gesänge durchzogen den Raum und bewirkten eine andächtige Stimmung. Sie wurde noch unterstützt durch die Farbigkeit der Altäre, die Malereien an Decken und Gewölben und die bunt verglasten Fenster. Die dargestellten biblischen Szenen und die Legenden der vielen Heiligen verkündigten die christliche Botschaft. Die Macht Gottes wurde durch dieses himmelstrebende Haus den Gläubigen bewusst gemacht, und noch heute besitzt die Marktkirche diese Ausstrahlungskraft. Trotz der Tatsache, dass manches Bürohaus an ihre Höhe heranreicht, ist die Marktkirche immer noch das Wahrzeichen und damit die geistige Mitte Hannovers.

Baumaterial, Treppentürme, Raumform

Drei Besonderheiten prägen die Hallenkirche und stellen sie damit in der Kunstlandschaft Norddeutschland eindrucksvoll heraus. Zunächst ist das Material – der Backstein im Klosterformat schwankt zwischen 26/12/8,5 und 28/13/10cm – hervorzuheben. Die Marktkirche ist neben der kleinen Kapelle der Ev.-luth. Immanuel-Kirchengemeinde in Laatzen bei Hannover das südlichst gelegene Bauwerk der norddeutschen Backsteingotik. Da jedoch Hannover unfern einiger Natursteinbrüche liegt, ist ihr Baumeister nicht so konsequent vorgegangen wie seine Kollegen andernorts. Die Sockel und Gesimse, das Westportal und die Mauerecken des Turmes sind aus Deistersandstein und dem Kalkstein des Lindener Berges aufgemauert. Die Maßwerke der schlanken Fenster waren jedoch aus Ziegelsteinen aufgesetzt und wurden erst bei der großen Restaurierung von 1855 durch solche in Sandstein ersetzt. An den Nebenchören hat dieses Material den Krieg überstanden. Die Pfosten der übrigen Fenster bestehen heute aus mit Kupfer ummantelten Stahlprofilen. Das Traufgesims der Halle setzt sich vom Beginn her aus unterschiedlichen Formsteinen zusammen. Glasierte Ziegel gliedern die profilierten Fensterlaibungen. Drei Portale mit Kreuzblumen aus Sandstein führen auf den Langseiten in das Innere. Vieleckige Treppentürme mit Natursteinhauben von 1855 markieren die Naht zwischen dem Langhaus und den Nebenchören. Der Rhythmus der gleichmäßig aufgereihten Strebepfeiler im Wechsel mit den lanzettartigen Fenstern mit ihren tiefgegliederten schrägen Laibungen und die steile, schmucklose Dachfläche verleihen dem Außenbau seine Monumentalität.

Die Raumform ist die zweite Besonderheit. Vier Paare von kreisrund angelegten Ziegelsteinpfeilern trennen die beiden je 5,4 m breiten Seitenschiffe vom 8,0 m weiten Mittelschiff ab. Im Osten fügen sich an die fünfjochigen Schiffe drei vieleckige Chöre mit gleicher Spannweite an, von denen der mittlere ob seiner größeren Breite und eines selbständigen Zwischenjoches länger als die beiden seitlichen ist. Dieser Chor endet hufeisenförmig mit sieben Seiten eines Zehnecks, die seitlichen schließen mit fünf Seiten. Die Zentralraumwirkung aller Chöre steigert sich durch die ausgeprägten Vorlagen am Übergang zum Hauptraum, durch die sich die Altarhäuser zwar als abgesondert darbieten, ohne sich jedoch von den Kirchenschiffen abzuspalten. Die gilt besonders für den Hauptchor. Die Tendenz, Zentralräume zu schaffen, ist im Kirchenbau sehr alt. Sie führte aber nur in wenigen Fällen zu wirklich liturgisch brauchbaren Kirchenräumen. In der Soester Wiesenkirche war um 1314 erstmals versucht worden, die Hauptapsis als Teil der längsgerichteten Kirche zentral auszuformen.

Planwechsel im 14. Jahrhundert

Idealbild des mittelalterlichen Zustandes, Lithographie von H.W.H.Mithoff, 1848
Abb.: Historisches Museum Hannover
Im Jahrzehnt zwischen 1350 und 1360 fand ein Planwechsel statt. Die heutigen kreisrunden Pfeiler entsprechen in ihrem konstruktiven Aufbau nicht den spornartigen dreieckigen Gewölbevorlagen an den Außenwänden; während sich an den runden Pfeilern die Ansätze der Quer- und Diagonalrippen auf einen Punkt konzentrieren, setzen die Gewölberippen an den Außenwänden an drei auseinanderliegenden Punkten an. Diesen dreieckigen Vorlagen hätten diagonal gestellte quadratische Pfeiler entsprechen müssen. Eine solche Anpassung an eine fortschrittliche Bauform fand zur gleichen Zeit in der Kirche St. Willehadi in Stade statt. Hier reihen sich die beiden Pfeilerarten – schlanke Quadrat- und dicke Rundpfeiler – hintereinander auf. Trotz der leicht ausgegliederten Chöre und der nicht dem ursprünglichen Plan entsprechenden mächtigen Rundpfeiler wirkt die Marktkirche wie aus einem Guss. Hier ist den mittelalterlichen Baumeistern ein großartiges Werk gelungen. Die in Längsrichtung verlaufenden, pfeilerbreiten und abgetreppten Gurte blieben weitgehend von den Zerstörungen des Krieges verschont. Alle Rippen der Gewölbe sind dagegen aus Stahlbetonfertigteilen neu eingezogen worden. Gleiches gilt für die Gewölbekappen, die zur Verbesserung der Akustik mit gelochten Ziegeln gemauert wurden.

Die neue Raumschöpfung einer Hallenkirche verbreitete sich so, dass viele Städte der Mark Brandenburg und die Hansestädte Hamburg und Lübeck ihre Kirchen mit ähnlichen Grundrissen – dem Langhaus in „niedersächsischer“ Form – durchbildeten. Auch die Detaillierung der schmalen Pfeilerkapitelle und die an den Rundpfeilern bis zur Basis durchlaufenden Runddienste sind als Eigenarten dieser Landschaft und in Bardowick, Uelzen, Stendal und Lüneburg zu finden.

Turm und Westportal

Ein Drittes: Der mächtige, knapp 100 m hohe Turm steht selbständig vor der Halle; er ist in sie nicht eingebunden. Hier tritt ein westfälisches Merkmal – der Einturm – von Paderborn und Soest herkommend auf, das sich aber weiter im Norden in dieser Mächtigkeit nur bei der St. Johannis-Kirche in Lüneburg durchgesetzt hat. Das Viergiebeldach am Ansatz des Turmhelmes ist dagegen im nördlichen Deutschland wieder häufiger anzutreffen. Es gilt als sicher, dass für die Marktkirche ein ähnlich steiler Helm wie in Lüneburg geplant war, nur 1366 „... seind die Bauleuthe müde und im Säckel krank und haben den Thurm an seinen vier Giebeln und Archen best, wie sie gekunt zugedecket, diese itzige geringe Spitze hinauffgesetzet ...“ Die Form des Dachreiters als verkleinertes Abbild des Turmes erläutert die Absicht des Baumeisters, wie er sich ursprünglich den Helm gedacht hatte. Die schwere Masse des Turmes steigt vier Stockwerke hoch, die durch schmale Simse getrennt sind. Ihre Form gleicht denen des Langhauses. Der Turm trägt ein elfstimmiges Geläut. Zu den drei alten Glocken von 1160, 1653 und 1733 kamen in den Jahren 1951 und 1960 weitere hinzu.

Die Bronzetüren von Gerhard Marcks im Westportal.
Photo Jutta Brüdern, Braunschweig
Sein Westportal war zwei Jahrhunderte hindurch vermauert und dadurch bis 1855 nicht benutzbar. In diesem Jahr wurde die von Stadtbaumeister Droste durchgeführte Wiederherstellung, die nicht der Leichtigkeit des mittelalterlichen Portals entsprach, abgeschlossen. Im letzten Krieg zum Teil zerstört, erfuhr besonders die Durchgangshalle zum Kirchenschiff 1952 eine Neugestaltung nach Plänen des Architekten Dieter Oesterlen (1911–1994). Die Figur des Namensheiligen Jacobus d.Ä. ging im Krieg verloren, die des St. Georg hat durch die Umwelt stark gelitten und musste in den nördlichen Nebenchor umgesetzt werden. Die leeren Nischen füllte 1992 der Bildhauer Jürgen Weber aus Braunschweig (*1928) mit neuen Figuren der beiden Heiligen Georg und Jacobus d. Ä. in der ihm eigenen großartigen Aussagekraft.

Pentagramm und Hexagramm

Die spitzen Giebeldreiecke besitzen unterschiedlichen Schmuck: In die Ostseite ist ein regelmäßiges Sternfünfeck – ein Pentagramm im Kreis, als Christussymbol eingefügt, wobei die fünf Zacken die Wundmale Christi bedeuten sollen; es galt aber auch als Unheil abwendendes Zeichen. Die Nord- und Südseite zieren ein Sechsstern, auch Davidstern – ein Hexagramm im Kreis, ein seit vielen Jahrhunderten vor Christus überliefertes Sinnbild des Alten Testaments. Der Westgiebel blieb mit Ausnahme des vertieften Kreuzes unverziert.

Mehr zu den Turmzeichen unter http://www.kirche-hannover.de/news/berichte/1062767660.html

Durchblick vom südlichen Seitenschiff in den Chor.
Photo Jutta Brüdern, Braunschweig
Aus diesen drei Besonderheiten ergibt sich zusammengefasst: Stilistische Elemente westfälischer Bauten vereinigen sich mit solchen der norddeutschen Backsteinhallenkirchen in der Marktkirche zu vollendeter Harmonie.


Begräbnisplatz, Grabdenkmale, Kreuzigungsreliefs

Die Kirche war über viele Jahrhunderte hindurch auch Begräbnisplatz. So wurden im Kirchenraum auch der Reformator Niedersachsens, Antonius Corvinus (1501 – 05.04.1553), und das Urbild des „Deutschen Michel“, der in dem Schlacht bei Seelze gefallene dänische Oberst Hans Michael von Obentraut (02.10.1574 – 25.10.1625), begraben. Die genaue Lage der Grabstätten ist nicht mehr bekannt. Aus der Fülle der Epitaphien, Grabsteine, Bilder und Denkmale blieben nach den Umgestaltungen der beiden letzten Jahrhunderte nur wenige Stücke übrig. Der Krieg vernichtete weitere. An den Außenwänden von Kirche und Turm sind noch 21 Grabdenkmale aufgereiht. Die Spannweite der Grabdenkmale reicht über zwei Jahrhunderte hinweg. Besonders genannt werden sollen an dieser Stelle der Gedenkstein der Schwestern Romel † 1570 und 1578 (Südseite) und das Epitaph des Kaufmanns Johann Kleine im überladenen Barockstil von 1672 (Turmnordseite), geschaffen von dem Bildhauer Jost Bleidorn aus Hildesheim.

Herauszustellen sind noch drei Kreuzigungsreliefs, deren Handschrift Kunde von den unterschiedlichen Stilen im jeweiligen Jahrhundert geben. Das früheste aus der Zeit um 1385 ist in einen Strebepfeiler auf der Nordseite eingelassen und auch am besten erhalten. Es kann möglicherweise bereits während der Bauzeit der Kirche als Teil eines Kreuzweges oder als Gebetsstation für eine Prozession mit eingemauert worden sein. Gleiches gilt für die Kreuzigung aus dem 15. Jahrhundert an einem anderen Strebepfeiler, deren Flachrelief unfertig erscheint. Das jüngste Relief, nach 1500 gemeißelt (Nordseite), zeigt bereits so große Verfallsspuren, dass nur noch Teile des Textes zu entziffern sind. Die starre Haltung der Figuren steht im starken Widerspruch zur lebendigen Gestaltung der Gruppe um 1385. An zwei Strebepfeilern der Südwand sind hoch oben seit Jahrhunderten zwei Sonnenuhren eingelassen. Die eine, wohl aus der Bauzeit der Kirche, misst die Zeit mit einem sechsteiligen Halbkreis, die andere von 1555 zwölf Stunden in einem Dreiviertelkreis.