Rundgang Innenraum: Fenster des Hauptchores


Mittleres Chorfenster
Der wertvollste Schatz der Marktkirche sind die Farbverglasungen in den drei östlichen Fenstern des Hauptchores, unmittelbar hinter dem Hauptaltar. 1979 konnten sie ausgebaut und in der Werkstatt Oidtmann im Rheinland von allen Überkrustungen befreit, wieder zusammengesetzt und neu verbleit werden. Wilhelm Buschulte aus Unna entwarf den ornamentalen Rahmen um die alten Scheiben. Um eine neuerliche Zerstörung von vornherein auszuschließen, erhielten sie eine gesonderte Einfassung und wurden in der Art einer isothermalen Verglasung mit Abstand von innen vor die äußere Schutzverglasung –- mit einem den alten Scheiben angepassten Bleiriss - wieder eingehängt. Sie leuchten nun wieder in alter Frische.

Das Alter der Scheiben ist unterschiedlich. Die Kreuztragung im linken Fenster ist eine Neuschöpfung von 1908 aus der hannoverschen Werkstatt Henning und Andres. Als unmittelbares Vorbild gilt die nahezu identische, aber mittelalterliche Darstellung von 1478 in der St. Sixti-Kirche in Northeim. Im südlichen, dem rechten Fenster, sind 12 Scheiben mit Heiligenfiguren zusammengefasst, die aus verschiedenen Fenstern stammen. Während drei Darstellungen (Heiliger mit Buch und Palme, Heiliger mit Baumstamm, Maria Magdalena mit Salbfass) komplette Neuschöpfungen aus der Zeit um 1860 sind, stammen die übrigen aus dem angehenden 15. Jahrhundert. Ihre schlanken, lyrisch gestimmten Figuren verraten, dass ihr Maler aus dem Umkreis des Dortmunder Meisters Conrad von Soest, also aus der Zeit um 1400, kommt.

Von den dreißig farbigen Scheiben des mittleren Chorfensters gehören unten zwei und oben acht dem 19. und 20. Jahrhundert an. Sie gleichen sich im Duktus den mittelalterlichen Scheiben an, die zu den wertvollsten Glasmalereien in weitem Umkreis zählen und hinsichtlich ihrer formalen Durchbildung und der abgebildeten Heiligenzyklen einzigartig in Norddeutschland sind. Ob sie noch Reste der bereits 1340 erwähnten Fenster sind, muss offen bleiben. Stilvergleiche ergeben, dass sie um 1400 entstanden sein dürften. Die kleinen, meist untersetzten Gestalten erinnern, in kastenartige Rahmen gedrängt, an Vorbilder aus der Parlerzeit zu Ende des 14. Jahrhunderts, sind aber auch mit Motiven des „weichen“ Stils gemischt. Wichtig ist, dass diese Scheiben des Mittelfensters ohne die Tafelmalereien des Wildunger Altares des Conrad von Soest kaum denkbar sind.

Die Scheiben des 19. Jahrhunderts sind in den oberen Reihen angeordnet und bringen, zeilenweise gelesen, Szenen aus dem Leben der Heiligen Stephanus (Reihe 12), des Paulus (Reihe 11) und des Andreas (Reihe 10, zwei Bilder).

Marter des heiligen Georg, aus dem mittleren Chorfenster, zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts.
Photo Jutta Brüdern, Braunschweig
In der linken Reihe wird – nun von unten nach oben – die St. Georgs-Legende erzählt, die mit „Georg mit der Prinzessin und dem Drachen vor dem lybischen Königspaar“ beginnt. Dann folgen: Georgs Predigt vor der königlichen Familie – Georg tauft die königliche Familie – Georg zerschlägt ein Götzenbild – Georg wird mit Hacken gefoltert – Georg sitzt im Kessel voll Blei inmitten der Flammen – Georg soll gerädert werden. Die Erzählung endet oben in der dritten Reihe mit „Georg wird enthauptet“.

Die Mittelbahn zeigt, ebenfalls von unten nach oben abzulesen, Szenen aus dem Leben des heiligen Mauritius, dem Anführer der thebäischen Legion – sie sind erkenntlich an den blauen Grundtönen. Im untersten Bild ist dargestellt wie Mauritius vor dunkelhäutigen Rittern predigt. Es folgen: Mauritius bekehrt den Heiden – Mauritius und ein Gefährte vor Papst Marcellinus – Mauritius und zwei Thebäer verweigern dem König den Götzendienst – Mauritius und zwei Thebäer legen vor Diokletian und seiner Frau ihre Rüstungen ab – Mauritius und zwei Thebäer werden enthauptet. Die Legende schließt in der vierten Reihe von oben mit „Diokletian und Maximinian reiten über die Leichen der Thebäer“.

Szenen aus dem Leben des heiligen Mauritius, aus dem mittleren Chorfenster, zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts.
Photo Jutta Brüdern, Braunschweig
Szenen aus dem Jacobuszyklus sind in der rechten Bahn wiedergegeben. Die untere Scheibe ist eine zufällige Komposition mit Fragmenten aus verschiedenen Scheiben. Darüber beginnt die Jacobuserzählung mit der „Predigt des Jacobus“, der durchgehend mit einem gelben Gewand dargestellt ist. Anschließend kommen: Die Geister bringen den Zauberer Hermogenes vor Jacobus – Jacobus weigert sich, vor dem gestürzten Götzenbild zu beten – Jacobus wird die Zunge herausgerissen – Dem auf dem Tisch gefesselten Jacobus wird die Zunge abgeschnitten – Jacobus wird enthauptet, zwei Engel tragen seine Seele in den Himmel.

Allen Bildern liegt die Legenda aurea des Jacobus de Voragine zugrunde.

Südlicher Nebenchor mit Bronzetaufbecken
Photo Jutta Brüdern, Braunschweig
Der benachbarte rechte Chor, der Limburgsche Chor, dient als Taufkapelle. In ihm hat die Bronzetaufe aus der nicht wiederaufgebauten St. Ägidienkirche ihren Platz. Noch kurz vor der Reformation dürfte sie in einer Hildesheimer Werkstatt gegossen worden sein. Der auf fünf Löwen ruhende Zehnpassfuß trägt einen Kessel, in dem in zehn Nischen vollplastische Figuren von Heiligen und Aposteln aufgereiht sind. Sie sind umrahmt von gedrehten Diensten, Maßwerkfriesen und Laubwerkschleiern. Drei der Heiligenfiguren kommen jeweils doppelt vor. Ihre Identifikation und die der anderen ist schwierig, da ihnen eindeutige Attribute fehlen. Sicher ist, dass Maria Magdalena mit der Salbdose, Johannes der Täufer mit Buch und Lamm und der Bischof Sixtus mit Buch und (fehlendem) Kreuzstab dargestellt sind.