Das Innere bis zur Zerstörung 1943


Kircheninneres nach Osten, Aquarell von Wilhelm Kretschmer, um 1850.
Abb. Historisches Museum Hannover
Der Innenraum mit seiner Einrichtung behielt bis zur 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts seinen mittelalterlichen Charakter. 1436 wird von 12 Altären berichtet. Ihre Zahl soll später noch größer gewesen sein. Die meisten Kunstwerke verschwanden aus der Marktkirche „als papistischer Greuel“ nach Einführung der Reformation. Erhalten blieb allein der Sakramentsaltar (um 1480), der von 1663 bis 1952 in St. Ägidien bzw. im Provinzialmuseum stand, und die Messingtaufe aus spätgotischer Zeit.

Die Reformation wurde in Hannover am 14. September 1533 mit dem Auszug des Rates endgültig eingeführt. Eine neue Zeit war angebrochen. Die Bevölkerung erlebte eine stetig fortschreitende Umformung zur ständisch gegliederten Gesellschaft, die später im Barock zur Herrschaft Einzelner führte. 1636 wählten sich die Herzöge zu Braunschweig-Lüneburg die Stadt Hannover zur Residenz und bauten das Minoritenkloster am Hohen Ufer zum Schloss aus, das heute den Niedersächsischen Landtag beherbergt. Als Folge der Umgestaltung der Gesellschaft musste auch die Marktkirche mancherlei Veränderungen erdulden. Sie verlor durch den erforderlichen Umbau zu einer lutherischen Predigtstätte im Inneren den Charakter einer gotischen Hallenkirche.

Kircheninneres nach Osten nach der Restaurierung, Aquarell eines unbekannten Künstlers, um 1864.
Abb. Historisches Museum Hannover
Im Jahrhundert zwischen 1589 und 1689 bekam die Kirche nach und nach eine neue Ausstattung, von der viele Teile 1825 veräußert wurden. Zunächst wurde 1594 eine neue Orgel auf der Westempore errichtet. 1614 folgte eine stuckierte Kanzel mit hoch aufragendem Schalldeckel; 1616 kamen eiserne Chorschranken hinzu. Den eindruckvollsten Eingriff bedeutete aber das Aufrichten des vielgeschossigen barocken Altaraufsatzes, den der Kaufmann Johann Duve 1663 stiftete. Auf ihm war die Heilsgeschichte vom Abendmahl in der unteren Zone bis zur Himmelfahrt unterhalb des Chorgewölbes dargestellt. Umrahmt waren die Bilder durch Figuren, die das Alte und Neue Testament symbolisierten. Die Gewölbe des Mittelschiffes trugen graufarbene Malereien mit biblischen Themen, in Medaillons eingepasst und mit Blumenranken umrahmt. Die Kirche in Neustadt-Basse (30 km nördlich von Hannover) besitzt noch heute derartige Grisaillemalereien von 1689 im Chor, die vom gleichen Künstler gemalt sein könnten. Der rote Backstein der Säulen, Wände und Gewölbe trat nirgendwo zutage; alles war weiß übertüncht. Eine Fülle von ein- und mehrgeschossigen Emporen durchzog die Seitenschiffe und die Nebenchöre. Sie standen auf Holzstützen, deren schräge Kopfbänder barock ornamentiert waren. Die Brüstungsfelder besaßen in fast quadratischen Abmessungen Gemälde. Sie waren den Emporen der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis in der Calenberger Vorstadt von 1670 nicht unähnlich. Die veränderte Bevölkerungsstruktur erforderte auch eine neue Rangfolge der Sitzplätze, wobei die Dienstboten, an letzter Stelle eingeordnet, in der hintersten Ecke sitzen mussten. So waren reich durchgestaltete Priechen (abgesonderte Emporenabschnitte) dem Rat, den Schülern und anderen herausragenden Gruppen vorbehalten. Neben verschiedenen Beschreibungen gibt uns besonders das Aquarell von Kretschmer aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von dieser bedeutsamen, typisch norddeutsch-protestantischen Ausstattung Kunde.

Außergewöhnliche Ereignisse im Leben der Gemeinde waren die prunkvollen Gottesdienste zu Beerdigungen von bedeutenden Persönlichkeiten, für die auch gedruckte Predigten überliefert sind. In ihnen wird aber gleichfalls offenbar, dass das so herausgestellte Standesbewusstsein durch den Tod letztlich völlig bedeutungslos wird.

Neue Wertvorstellungen in der späten Romantik ließen es zu, dass 1825 durch eine Zeitungsanzeige einmalige Ausstattungsteile meistbietend zum Verkauf angeboten wurden. Ähnliches geschah zu gleicher Zeit in der Ägidienkirche. Leider ist nicht bekannt, wo alle diese Schätze hingelangt sind. Geblieben war jedoch der hohe Altaraufsatz von 1663, da über ihn 1835 noch berichtet wird.

Es sind keine schriftlichen Nachrichten überliefert, warum die so überreiche barocke Ausstattung der Marktkirche vernichtet wurde. Nur die zeitgenössische Darstellung des Innenraumes des Architekten C.W.H. Mithoff von 1848 zeigt uns eine Idealvorstellung des Kirchenraumes in der damaligen Zeit: eine leere Halle, in der nur die Prinzipalstücke einer lutherischen Kirche – Altar, Taufe und Kanzel – ihren Platz haben.

Inzwischen begann sich die Bevölkerung zu einer Industriegesellschaft umzuformen, in der die christliche Gemeinde als eine Familie Gottes angesehen wurde, die angesichts der wachsenden Bevölkerung für die sonntägliche Predigt und die aufkommenden Konfirmationen viele Sitzplätze in der Marktkirche benötigte. So verschwand auch der Duvesche Altaraufsatz spurlos, als der hannoversche Architekt und Stadtbaumeister Droste bis 1855 die Kirche mit einer Einrichtung in neogotischem Stil versah. 1943 aber wurden die im Geschmack ihrer Zeit hervorragend gestalteten und handwerklich ausgezeichnet gefertigten Stücke so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass ihre Erhaltung nach Kriegsende als nicht lohnend erschien. Ein farbiges Aquarell aus der Zeit nach 1855 zeigt den Hauptchor mit einem filigranen Altar und zwei vieleckigen Emporen mit Baldachinen darüber, links für den hannoverschen König, rechts für den Magistrat. Umlaufende, mit Maßwerk verzierte Emporen füllten die Seitenschiffe vollständig aus. Die Nebenchöre waren durch Treppenhäuser abgesondert. Die reich geschnitzte Kanzel lehnte sich an den zweiten Pfeiler von Osten, stand damit also nahezu in der Mitte des Raumes. Wände, Gewölbe und Pfeiler waren nur sparsam mit Malereien überzogen. Erst 1893 wurden nach den Vorschlägen des Dekorationsmalers Hermann Schaper starkfarbige Malereien aufgetragen. In den Blindfenstern des Hauptchores – vom Mittelschiff aus nicht sichtbar – blieben die letzten Reste dieser historisierenden Ausmalung von hoher Qualität erhalten. Sie stellen auf der Nordseite die Verkündigung an Maria, im Süden die Ausgießung des Heiligen Geistes dar. Beide Darstellungen sind von einer hochwuchernden Maßwerkarchitektur umrahmt.