Wir waren so frei ...

Foto: Mohamed Nohassi - Unsplash

... und haben zum Jahresthema der Landeskirche „Zeit für Freiräume“ eine Erkundungstour durch den Stadtkirchenverband und die Gemeinden und Einrichtungen in Hannover, Garbsen und Seelze gestartet. Dabei haben wir eine Gemeinde entdeckt, die Freiräume verschafft, indem sie Gottesdienste mit gedecktem Mittagstisch anbietet. Eine andere will den großen freien Raum ihres Kirchplatzes neu gestalten. Ein Pastor nimmt sich einige Monate Elternzeit als Freiraum und kümmert sich um sein Kind.

Wir haben nachgefragt, was die Menschen in der Kirche unter dem Begriff Freiraum verstehen. Und wir wollten auch wissen, wann sie das letzte Mal einen Freiraum hatten und was sie machen, wenn es mit dem Freiraum-Nehmen nicht so klappt wie erhofft. Und dann sollten uns die Interviewten noch verraten, welche drei Dinge unbedingt in ihren „Freiraum“ hineingehören. Herausgekommen sind sechs sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Freiräumen im eigenen Leben. Aber lesen Sie selbst … 

"In der Gastronomie ist es üblich, eine sogenannte 'Renner und Penner'-Liste zu führen. Halbjährlich wird geschaut, welches Gericht ein Hit und welches ein Ladenhüter war. Gleiches möchte ich gerne für das Jahr der Freiräume tun.

Groß wurde das Jahr der Freiräume angekündigt. Wir hatten sogar eine Konventsfahrt zu diesem Thema. In der Belegschaft wird es kontrovers diskutiert. Die Meinungen divergieren stark. Auch was die Bedeutung anbelangt. Heißt Freiräume mehr Freizeit oder eher ein Überdenken, wie ich meine Zeit verwende? Für mich ist es Letzteres.

Kommen wir zu den Rennern: Ich nehme mir bewusst meinen freien Tag in der Woche. Dann mache ich alles Mögliche, nur eben nichts für die Arbeit. Dass das Woche für Woche klappt ... daran arbeite ich noch. Und ich checke nicht mehr direkt nach dem Aufwachen die E-Mails.
Wir haben im Kollegium eine theologische Diskussionsrunde gestartet. Einmal im Monat treffen wir uns und besprechen ein bestimmtes theologisches Thema. Der Austausch dient allein der Freude am theologischen Diskurs. Für zwei Stunden im Monat sind mal nicht Bauausschuss, KV-Sitzung oder Konfiunterricht Thema, sondern z. B. der Aufsatz von Julia Koll 'Pluralität: Drei Perspektiven'. Das macht nicht nur Spaß, sondern öffnet den Tunnelblick des pfarramtlichen Alltags.
In der Pfarramtsrunde haben wir uns den Gottesdienstplan vorgenommen. Fast zeitgleich haben wir immer Gottesdienst in unseren beiden Kirchen gefeiert. Und was dann noch dazu kam, wurde einfach oben drauf gepackt. Nun wollen wir uns konzentrieren. Mehr Variation in den Gottesdienstplan bringen. Einen morgens, einen abends. Mehr Themenreihen und auch eine Wertschätzung der verschiedenen Gottesdienstformen. Warum sollte der Kindergottesdienst für Kleine am Sonntag mit durchschnittlich 40 Besucher*innen nicht als regulärer Gottesdienst angesehen werden? Verkünden wir nicht auch dort das Evangelium?  

Kommen wir zu den Pennern: Ich habe das Gefühl, dass das Jahr der Freiräume nur bei der Belegschaft ein Thema ist und nicht bei der Basis. Fragt man Freunde und Familie, die nicht im kirchlichen Dienst eingebunden sind, erntet man nur fragende Blicke. Egal, wo man im institutionellen Bereich hinschaut, alles wird mit dem Jahr der Freiräume verbunden, ob das nun Sinn macht oder nicht. Das wirkt oft sehr künstlich konstruiert.
Etwas anstrengend sind auch die Menschen, die dieses Jahr zum Anlass nehmen, ständig und überall über ihre Belastungen im beruflichen Alltag zu klagen, aber nichts ändern. Sie haben das Jahr der Freiräume mit einem Jahr der Klage verwechselt."

"Freiraum bedeutet für mich, mein Leben mit Pausen zu gestalten, bei einer Fahrt über Land den Himmel und das wechselnde Wolkenspiel zu betrachten, es bedeutet, sich klar zu sein, dass wir nur im Moment leben. Freiraum ist für mich auch die Begegnung und das Gespräch mit einer guten Freundin und es bedeutet das Gefühl, bedingungslos angenommen zu sein.

Gestern hatte ich einen Freiraum, obwohl ich am Wochenende arbeitete: Da bin ich nach der Arbeit spontan zu einer Kollegin gefahren, unterwegs habe ich die Landschaft genossen, das Aufwachen der Natur. Wir haben uns unterhalten und waren gut essen. Und vorgestern auch: Da bin ich nämlich ins Kino gegangen.

Ich habe es schon mehrere Male erlebt, dass ich mir einen Freiraum nehmen wollte und es hat nicht geklappt. Ich habe ein starkes Pflichtbewusstsein und mir angewöhnt, auf vieles zu verzichten. Doch ich habe in meinem Leben gelernt, meine Grenzen der Belastung zu beachten. Und dass es wichtig ist, immer wieder in regelmäßigen Abständen Freiräume zu haben und sie sich auch zu nehmen. Ein Leben mit Pausen. Wie in der Musik, denn Musik ohne Pausen gibt es nicht. Sich kennenlernen und wissen, wie man mit sich umgeht, das hilft, so ein Leben zu führen.

In meinen 'Freiraum' gehört die Freiheit, wählen zu dürfen. Es gehört ein seelenverwandter Mensch dort hinein. Und mein 'Freiraum' ist groß, hell, ästhetisch eingerichtet, mit Blumen und Musik."

"Freiraum bedeutet für mich die komplette Entscheidungsfreiheit, was ich in meinem Freiraum tun will. Das kann heißen, gar nichts zu tun oder auch Projekte zu starten. Zu nichts gezwungen zu sein, keinen Ergebnisdruck zu haben, das ist Freiraum für mich.
Das letzte Mal hatte ich einen Freiraum hier in meinem Praktikum. Wir hatten eine Besprechung über Zukunftsstrategien für die Evangelische Jugend. Ich habe mich dabei sehr frei gefühlt. Wir konnten in alle Richtungen denken, ohne dass ein bestimmtes Ziel erreicht werden musste. Wir konnten unseren Geist frei schweifen lassen, ohne an etwas gebunden zu sein, das habe ich als Freiraum empfunden.

Es ist mir noch nicht so oft passiert, dass ich mir einen Freiraum nehmen wollte und das nicht geklappt hat. Doch manchmal ist das so, wenn ich den ganzen Tag auf Achse war. Dann frage ich mich am Ende des Tages: 'Habe ich heute überhaupt etwas getan?' Ich  versuche immer, mir abends einen Freiraum einzubauen. Wenn das nicht klappt, ermahne ich mich selbst, zum Beispiel einfach mal rauszugehen, sich auf eine Parkbank zu setzen und die Gedanken schweifen zu lassen. Man muss sich ernst nehmen und sich veranschaulichen, dass so etwas wichtig ist. Wenn ich es nicht ein- oder zweimal die Woche schaffe, habe ich das Gefühl, dass alles an mir einfach nur so vorbeirauscht.

Drei Dinge gehören unbedingt in meinen 'Freiraum': Gott und das Gebet, dann zweitens innere Ruhe und Gelassenheit und dann drittens noch eine Unbelastetheit, das heißt, nicht mehr mit meinen Gedanken beim letzten Meeting oder der nächsten Idee zu sein, wenn ich in meinem 'Freiraum' bin. In den 'Freiraum' gehört auch noch rein, draußen in der Natur zu sein oder Musik zu hören. Aber das sind nur Rahmenbedingungen, wirklich wichtig sind die ersten drei Dinge."  

"Für mich bedeutet Freiraum, frei zu entscheiden, was ich machen möchte, oder etwas zu tun, was mir gut gefällt. Es bedeutet, keinerlei Druck zu verspüren, keine Zeit im Nacken zu haben. Freiraum kann auch bedeuten, Dinge zu entscheiden, die mir für die Arbeit wichtig sind, und zu wissen, dass der Träger Vertrauen in mich setzt, dass es gute Entscheidungen sind. Gestern hatte ich das letzte Mal einen Freiraum, da habe ich zwei Stunden nur für mich gehabt. Ich habe mich ausgeruht und dabei Fotos sortiert.

Ich kenne das auch sehr gut, dass ich mir kleine Auszeiten gönnen will und dann klappt das einfach nicht. Mein Sohn ist zweieinhalb Jahre alt und ich arbeite 30 oder mehr Stunden in der Woche. Manchmal habe ich kaum Zeit für mich selber. Ich nehme mir gerne Kleinigkeiten zur Entspannung vor, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass größere Projekte oft scheitern, meistens aus Zeitmangel. Ich denke, dass es im Alltag wichtig ist, sich kleinere Freiräume zu schaffen, mal einen schönen Kaffee oder ein Treffen mit Freunden, ein leckeres Abendessen, kleine Inseln im stressigen Alltag. Manchmal ist es für mich sehr entspannend, bei schönem Wetter am Wochenende morgens um neun Uhr mit meinem Sohn und meinem Mann im Zoo spazieren zu gehen und zu sehen, wie sehr sich mein Kind freut, das macht mich glücklich. An anderen Tagen ist es Zeit für mich ganz alleine, mit einem guten Buch oder einem Film, den ich gerne sehen möchte.

In meinen 'Freiraum' gehört die Freiheit zu entscheiden, eine Idee, etwas zu wollen, und die Zeit zu haben, sich damit auseinanderzusetzen." 

"Freiraum habe ich, wenn ich über Zeit nur für mich verfügen kann. Wenn nichts in meinem Kalender steht und die freie Zeit wie ein weißes unbeschriebenes Blatt vor mir liegt. Gestern zum Beispiel hatte ich einen Freiraum. Da bin ich mit einer Freundin zu einer Benefizgala für das Aegidienhaus gegangen. Wir waren drei Stunden dort, ich habe mich sehr wohl gefühlt, es war richtig toll.

Ich kenne das auch, dass ich es nicht hinbekomme, mir Freiräume zu nehmen. Ich muss meine Grenzen erkennen und auch setzen, wenn mir etwas zu viel wird. Zum Beispiel, wenn Anfragen kommen, irgendwo mitzumachen oder zu helfen. Meinen Freiraum brauche ich, um Kraft zu bekommen, es nützt niemandem etwas, wenn man sich aufopfert. Manchmal muss ich auch meinem eigenen Drang, Aufgaben anzunehmen, Grenzen setzen ebenso wie auch anderen Menschen, um den Freiraum zu bekommen, den ich für mich brauche.

In meinen 'Freiraum' gehört die Bewegung an frischer Luft, zum Beispiel beim Radfahren. Unbedingt gehört Kultur dort hinein, Theater, Konzerte und Museen. Und abends die Beine hochlegen, etwas Gutes im Fernsehen schauen oder eine Hör-CD anschalten und dann dabei stricken, das gibt es auch in meinem 'Freiraum'."

"'Freiräume' ist ein Thema, das mir sichtlich schwer fällt. Ich bin (und war es auch schon immer) ein durchgetakteter, strukturierter Mensch. Ich zeichne mich aus durch Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit, aber leider nicht durch eigenen Freiraum. Freier Raum, den ich mir nicht durch Termine, Aktivitäten, Verbindlichkeiten selber verbaue. Wobei ich es besser wissen müsste: Jeden Tag bei der Arbeit, in den Beratungs- und Therapiegesprächen mit suchtkranken Frauen, kommt das Thema auf Freiraum: Was tun die Frauen eigentlich für sich? Wo tanken sie Kraft? Was stärkt sie? Viele suchtkranke Frauen sind immer nur für andere da, stärken andere, halten anderen den Rücken frei, funktionieren, sorgen, mühen sich, haben aber große Schwierigkeiten, auf sich selbst zu schauen und ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Ich als Therapeutin müsste es eigentlich besser machen und trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen 'man müsste mal' und 'ich mache jetzt'. Trotzdem habe auch ich meinen Freiraum, beispielsweise im Gespräch mit meiner Kollegin. Und  ich fahre regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit und schaffe es seit einigen Jahren regelmäßig, an der kirchlichen Laufgruppe teilzunehmen. Und manchmal schaffe ich es, pünktlich und nicht abgehetzt meinen Arbeitsplatz zu verlassen, obwohl noch nicht alles fertig ist.

Die schönste Zeit für mich ist, mit meinem Essen vor dem Fernseher eine meiner Lieblingsserien zu gucken. Therapeutisch total Unsinn, vor dem Fernseher zu essen, aber das ist tatsächlich die reinste Erholung für mich, nicht nachdenken, sondern mich berieseln lassen. Damit sind wir auch schon bei der Frage, was 'Freiraum' bedeutet: kein Handy, keine Gespräche, keine tiefsinnigen Filme, tatsächlich den Kopf ausschalten, soweit das geht."