Next Generation Pastorin

Nachricht Hannover, 27. Juli 2020

Dass Kirche nicht verstaubt sondern lebhaft, kreativ und herzlich ist sowie über ein großes Themenspektrum verfügt, merkt man sofort, wenn man mit Sondervikarin Juliane Hillebrecht (30) spricht. Seit Februar ist die gebürtige Berchtesgardenerin für ein Jahr als freiwillige Sondervikarin in der Marktkirche Hannover beschäftigt. Bevor sie Pastorin in einer Gemeinde wird, hat sie so noch einmal die Gelegenheit genutzt, sich auf den Bereich Citykirchenarbeit zu fokussieren.

Wir haben sie in ihrem funktional eingerichtetem Altbau-Büro gegenüber der Marktkirche Hannover angetroffen und gefragt, wie man eigentlich darauf kommt, in der heutigen Zeit noch Pastorin zu werden.

Stadtkirchenverband: Schreibst Du hier Deine Predigten?

Juliane Hillebrecht: (lacht und winkt ab): „Hier bin ich eigentlich nie. Ich hatte immer einen aufgeräumten Schreibtisch, finde aber nur selten die Gelegenheit, daran zu sitzen und zu arbeiten. Das mache ich draußen unter den Leuten, vor Ort. Das Leben gibt mir Impulse für meine Predigten, die entstehen nicht am Schreibtisch. Ich nehme eine Idee oft aus Alltagssituationen, aus Liedern oder Texten auf und gestalte sie. Eine Predigt ist wie ein Kunstwerk. Das muss wachsen.

Stadtkirchenverband: Wie bist Du darauf gekommen, Theologie zu studieren, hat Dich Deine Familie da sehr geprägt?

Juliane Hillebrecht: Ja und nein. Ich bin schon christlich aufgewachsen, mein Großvater war Pastor, aber der Glaube war nie etwas verpflichtendes, wir sind nicht jeden Sonntag in die Kirche gegangen oder so. Ich wurde konfirmiert und war in der Jugendarbeit tätig. Meine Eltern haben geglaubt und Kirche war immer etwas Gutes. Doch zum Studium kam es ganz anders. Ich wollte gar nicht unbedingt Pastorin werden aber über den Studieninhalt bin ich dann auf das Theologie-Studium aufmerksam geworden. Alte Sprachen wie Hebräisch und Griechisch und Fächer wie Geschichte und Philosophie haben mich neugierig gemacht. Und mit den Menschen, die mir begegnet sind, hat sich der Wunsch dann doch verfestigt.

Stadtkirchenverband: Gibt es Vorurteile, mit denen Du immer wieder konfrontiert wirst?

Juliane Hillebrecht: Ja, schon im Studium hieß es oft: Du? Theologie? Mein Alter war auch ein Thema. Was kann eine junge Frau schon von Gott erzählen? Das hat mich anfangs sehr eingeschüchtert. Aber mit den Menschen, die mir begegnet sind, wuchs ich darüber hinaus. Auch die Zusammenarbeit mit Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann als Mentorin stärkt mich jetzt sehr. Und teilweise konnte ich die Vorurteile auch verstehen. Ich selbst hatte vor dem Studium ein ganz starres Pastoren-Bild. Doch ich habe gelernt, dass es so viele Rollen gibt, die man als Pastorin einnehmen kann und jetzt sehe ich es anders und kann das auch verkörpern.

Stadtkirchenverband: Was würdest Du denn jungen Menschen mit auf den Weg geben, die sich nicht sicher sind, ob Theologie etwas für sie ist oder nicht?

Juliane Hillebrecht: Theologie umfasst ein sehr breites Spektrum. Es gibt nicht nur das Gemeindepfarramt sondern so viele weitere Möglichkeiten. Man kann viel Kreativität mit einbringen. Aber ich glaube, wenn die ursprünglichen Beweggründe stimmen, wenn man Interesse mitbringt und dann auch noch gern Zeit mit Menschen verbringt, dann ist Theologie genau das richtige. Man kann ja auch viele Fähigkeiten mit einfließen lassen, wenn man zum Beispiel musikalisch oder künstlerisch interessiert ist.

Stadtkirchenverband: Während des Lockdowns hat die Marktkirche täglich Andachten gesendet. War es für Dich als junge angehende Pastorin besonders einfach, eine Online-Andacht zu halten?

Juliane Hillebrecht: Tatsächlich nicht. Das ist ein Format, an das man sich erst gewöhnen muss, da man keine Kamera-Erfahrung hat und die Gemeinde fehlt. Bei einem gesprochenen Wort in der Kirche, da kann man noch einmal diskutieren, aber ein Video wird fertig hochgeladen und da bleibt es dann. Bei diesem Format brauche auch ich mehr Training, um mich richtig wohl zu fühlen.

Stadtkirchenverband: Ist man eigentlich sehr aufgeregt, wenn man vorne in der Kirche steht?

Juliane Hillebrecht: Ich bin immer noch aufgeregt. Oft muss man sich erst in einen Raum reinfühlen, besonders wenn es sich um eine so große Kirche handelt wie die Marktkirche. Doch ich bin hier vorne nicht allein, denn wir sind alle beteiligt. Mein Bild von Gemeinde ist, dass ich motivieren will und mitteile, ihr seid genauso Kirche wie ich, ich stehe hier ja nur, weil es Euch gibt, eure Gedanken und Themen gehören hier hin.

Stadtkirchenverband: Mit welchen Themen willst Du die Menschen begeistern?

Juliane Hillebrecht: Ich möchte auf aktuelle Themen eingehen wie Nachhaltigkeit und Bewahrung der Schöpfung, Rassismus, Demokratie, die Rolle der Frau und vieles mehr. Ich glaube, dass viele Menschen heute vielleicht ein starres Bild von Gemeinde haben, so wie es mir früher ging mit Pastoren. Vielleicht entsteht dadurch auch eine gewisse Distanz. Mein Wunsch ist es, dem entgegenzutreten, aufzuzeigen, was Kirche alles bewegt und dass es wichtig ist, offen darüber zu sprechen.

Und gerade hier in der Marktkirche sieht man das ja auch. Die Kirche ist täglich offen und hat so ein großes Angebot an Ausstellungen wie „Peace Counts“, Gesprächsrunden wie den „Talk am Mittwoch“, Kultur wie die Orgelkonzerte und vieles mehr. Ich kann als Christin nicht die Welt retten, aber ich glaube, dass es auch im kleinen Wirkungskreis ganz wichtig ist, aktiv zu sein.

Stadtkirchenverband: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Autorin: Nina Chemaitis

Marktkirche Hannover
Foto: Stadtkirchenverband Hannover

Hoch hinaus kann man Juliane Hillebrecht künftig auch bei einer Turmbesichtigung der Marktkirche begleiten. Gemeinsam mit der Kirchenpädagogikbeauftragen Marion Wrede bietet sie Turmführungen, Wissenswertes und himmlische Aufstiege nach Verabredung an.

Eine Anmeldung ist per email an marion.wrede@evlka.de erforderlich.

Kirchturmführung
Peace Counts
Foto: "Peace Counts"

Noch bis zum 29. Juli 2020 kann man Juliane Hillebrecht in der Ausstellung „Peace Counts“ antreffen, die sie organisiert hat und Vernissage und Finissage moderiert.

Plakatausstellung in der Marktkirche

Geistlicher Impuls aus der Marktkirche