Jahreswechsel. Blick zurück und Blick nach vorn. Nachgehen und Nachdenken: Was war dieses Jahr 2020 für mich?

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Was sind die kollektiven Bilder, die in aller Welt bekannten Bilder, die die Weltgemeinschaft in späteren Jahren an 2020 erinnern werden? Ich denke, es sind die Bilder von Menschen, die Mund-Nasen-Masken tragen: in China und in Chile, in Ghana und auf Island, egal, woher Nachrichten im Fernsehen zu sehen sind und worüber sie berichten - weltweit Menschen, die die gleiche Erfahrung gemacht haben: Eine Krankheit kommt in die Welt, die lebensgefährlich sein kann, die wir erst neu kennenlernen und an und mit der wir viel lernen. Über Viren und Aerosole, über Angst und Verdrängung, über Wut und Traurigkeit. Darüber, dass vieles auch anders geht. Über das Gefühl der Dankbarkeit. Über Herausforderungen, Gelingen und Scheitern. Darüber, dass wir Menschen nicht alles wissen. Dass wir Entscheidungen fällen müssen oder dass Entscheidungen für uns gefällt werden, obwohl wir nicht wissen, ob sie richtig sind. Dass wir alle viel lernen. Dass wir alle nicht ohne Schuld durchs Leben kommen.

Und das alles, weil wir diesem Virus ausgesetzt sind, das sich einfach nicht an unsere Regeln hält: Nicht an die freiheitlich-demokratische Grundordnung, nicht an Grenzen, nicht an Traditionen, nicht an Glaubensüberzeugungen. Und das Liebe nicht respektiert.

2020 ist und war für alle Menschen ein anstrengendes, herausforderndes Jahr. Ganz persönliche   Herausforderungen, Erlebnisse und Erfahrungen kamen dazu.

Jetzt gehen wir in das Jahr 2021. Was wird sein? Wie werden wir durch dieses Jahr gehen? Und mit welchen Gedanken?

1728 hat Nikolaus Graf von Zinzendorf begonnen, in seiner christlichen Gemeinschaft, der „Herrenhuter Brüdergemeinde“, jedem Morgen, jedem Mitglied auf einem kleinen Zettel für die Hosen- oder Schürzentasche einen Satz aus der Bibel als Losung für den Tag mitzugeben. Jeder wusste: jeder von uns in unserer Gemeinschaft hat diesen Zettel und schaut mehrfach am Tag drauf. Alle denken einen Tag lang über den gleichen Satz nach. Das verbindet, egal, was jeder einzelne an diesem Tag tut oder erlebt.

1930 wurde mit dem gleichen Ziel in den Reihen der evangelischen Jugendarbeit die erste Jahreslosung veröffentlicht. Mittlerweile beteiligen sich an der Auswahl der Jahreslosung viele Kirchen und christlichen Gemeinschaften.

Vor drei Jahren wurde die Jahreslosung für 2021 ausgewählt. Da ahnte man noch nichts von dem, was das Jahr 2020 mit uns Menschen machen würde und wie das Virus unser Zusammenleben beeinflussen würde. Jetzt lese ich diese Jahreslosung mit Blick auf unsere Erfahrungen 2020. Aus der Sammlung von Reden, Weisheiten und Gleichnissen Jesu, die im Lukas-Evangelium unter der Überschrift „Die Feldrede“ (Lukas 6, 17 – 49) zu finden ist, heißt es zum Umgang mit den „Nächsten“ (also den Menschen, die mir nahe kommen): „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“. (Lukas 6,36)

Barmherzig – das ist ein Wort aus der Gruppe der „vergessenen Wörter“. Im Alltag wird es selten benutzt, so altertümlich wie es ist. Aus zwei Worten ist es zusammengesetzt. Das Verb „barmen“ bedeutete früher „jammern, klagen, lamentieren“ und „einen anderen mit Mitgefühl erfüllen“. Dazu kommt das Wort „Herz“ oder „herzen“ ist uns vertraut: in unserer Vorstellungswelt ist das Herz der Sitz des Gefühls, im hebräischen Denken auch der Sitz des Wollens. Barmherzig sein – das ist: ein mitfühlendes und mitleidendes Herz haben. Wahrnehmen, was den anderen bedrückt. Schwäche und Widersprüchliches nicht verdammen, sondern ernst nehmen, Geduld miteinander haben und gemeinsam aushalten. Und füreinander da sein.

„Seid barmherzig, wie auch Gott barmherzig ist!“ ist die Losung für 2021. Christen sind mit einem Gott unterwegs, der wie ein richtig guter Vater liebevoll, respektvoll und mit einem großen Herzen mit seinen Menschenkindern umgeht – so beschreibt ihn Jesus in vielen Gleichnissen und Reden. Gott sei uns darin ein Vorbild für unseren eigenen Umgang mit anderen Menschen.

Ein Zettel mit dieser Losung 2021 in der Hosentasche oder im Portemonnaie zum steten darauf Schauen und darüber Nachdenken – ich glaube, das ist gut!

Zu Coronazeiten sah ich ein Hinweisschild in einer Kirche: Haltet einen Engel Abstand! Mit der Ergänzung: Und seid barmherzig miteinander. Wir hoffen auf eine Zeit ohne Abstandhalten. Und darauf, dass wir in unserer Gesellschaft in guten und in bösen Zeiten, in Gelingen und Scheitern  barmherzig miteinander umgehen.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Jahr 2021!

Bärbel Wallrath-Peter