Viel Raum und viel Herberge hat die Kirche in Hannover. Schöne alte Kirchen, große Pfarr- und Gemeindehäuser, oft in zentralen Lagen im ganzen Stadtgebiet. „Die kirchlichen Gebäude prägen das Stadtbild und sind meist mit Herzblut erbaut worden“, sagt Stadtsuperintendent Rainer Müller-Brandes. Doch Gebäude müssen unterhalten werden und das kostet Geld. Rund 700.000 Euro Kirchensteuergelder stehen dem Kirchenkreis Hannover für seine mehr als 200 Kirchen, Pfarr- und Gemeindehäuser jährlich zur Verfügung. „Schnell werden aber pro Gebäude sechs- oder gar siebenstellige Summen benötigt. Das ist ein Dilemma für uns“, sagt Müller-Brandes.
Die Lösung heißt KIM. Diese flotte Abkürzung steht für „Kirchliches Immobilienmanagement“, eine neue Einrichtung des Kirchenkreises Hannover. KIM hilft den Gemeinden dabei, ihre Immobilien professionell zu entwickeln. Die Unterstützung ist weitreichend. Die Gemeinden können die Frage, ob ein nicht mehr ausreichend genutztes Gebäude umgewidmet, verkauft oder sogar abgerissen werden soll, komplett an KIM abgeben. KIM kümmert sich auch um die neue Nutzung von ehemaligen Kirchengebäuden, beispielsweise wenn dort Wohnungen gebaut und vermietet werden.
„Wir freuen uns sehr, dass KIM jetzt bei uns einsteigt“, sagt Pastor Johannes Rebsch von der St.-Johannes-Kirchengemeinde in Davenstedt. „Als Gemeinde haben wir nicht die finanziellen Mittel, um alle vorhandenen Gebäude zu unterhalten. Doch die Überlegung und Planung, was mit den nicht benötigten Gebäuden geschehen soll, würden unseren Kirchenvorstand an eine absolute Belastungsgrenze bringen.“ Neben einem multifunktionalen Kirchenzentrum aus den späten 80er Jahren stehen auf dem großen Kirchengrundstück noch ein Pfarr- und ein Gemeindehaus aus den 60er Jahren. Diese Gebäude werden mittelfristig nicht mehr genutzt und sind sanierungsbedürftig. „Vorteilhaft ist für uns auch, dass wir als Gemeinde Partnerin in dem Entwicklungsprojekt von KIM sind und unsere Anliegen mit einbringen können“, betont Rebsch.
Partnerschaft mit den Gemeinden ist auch für KIM-Geschäftsführerin Josephine Salland ein Schlüsselwort. „Auch wenn KIM die Gebäudeentwicklung komplett in die Hand nimmt, arbeiten wir eng mit den Gemeinden zusammen“, sagt Salland. „Sie sind die Player vor Ort und kennen die Struktur des Stadtteils am besten.“ Seit einem Jahr gibt es KIM als selbstständige Einrichtung des Kirchenkreises Hannover. Salland hat sie schon in zahlreichen Kirchengemeinden vorgestellt. Vier erste Projekte haben sich bisher herauskristallisiert. KIM wird für die Gemeinden St. Johannes Davenstedt und Emmaus in Herrenhausen/Stöcken tätig. Titus-Epiphanias in Vahrenwald-Sahlkamp und die Lister Kirchengemeinde befinden sich noch in einer Prüfphase. Wohin die Reise zukünftig für Titus-Epiphanias geht, berät die Gemeinde jetzt bei einer Versammlung am Sonntag, 12. Oktober. Die Lister Kirche braucht eine neue Zukunft für ein altes ungenutztes Gemeindehaus.
„Für die beiden Gebäude der St.-Johannes-Gemeinde wird ein Architektenwettbewerb ausgelobt“, kündigt Salland an. „Dabei geht es um Ideen, ob ein Abriss, ein Neubau oder eine Umwidmung beispielsweise in Wohnraum sinnvoll und vor allem auch wirtschaftlich ist.“ Bei der Emmaus-Gemeinde kümmert sich die studierte Immobilienwirtschaftlerin um das Grundstück der ehemaligen Corvinuskirche. „Dort wollen wir die vorhandene Kita erhalten, für den Rest des großen, teilweise brachen Geländes suchen wir noch nach interessierten Partnern für eine neue Nutzung“, beschreibt sie das Projekt. Salland verfügt bereits über berufliche Erfahrungen mit Liegenschafts- und Projektentwicklung, KIM ist jedoch eine spannende Herausforderung für die 31-Jährige. KIM wird von einem Aufsichtsrat begleitet, der aus kirchlichen und Bau-Fachvertretern besteht. Die Projekte müssen wirtschaftlich überzeugen, städtische und landeskirchliche Vorgaben erfüllen sowie sich in die Struktur von Gemeinden und Stadtquartieren einfügen. „Das ist ein Balanceakt“, sagt Salland lächelnd. Personell wird das derzeit zweiköpfige Team demnächst aufgestockt, insbesondere um Architektinnen oder Architekten.
Bundesweit gibt es nur wenige vergleichbare Einrichtungen. Ermutigende Erfahrungen hat beispielsweise der Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein mit seiner Gebäudeentwicklung „bauwerk“ gemacht. Für den Kirchenkreis Hannover ist KIM die optimale Antwort auf die drängenden Problemlagen in den Gemeinden. „Die Landeskirche hat extra für Hannover ein Erprobungsgesetz beschlossen“, erläutert Müller-Brandes. „Dadurch können wir sehr frei ohne Genehmigungsvorbehalte Gebäude entwickeln. Wir brauchen für diese anspruchsvolle Zukunftsaufgabe einfach Flexibilität und unkomplizierte Abläufe“, betont der Stadtsuperintendent.